Montag, 20. Februar 2012
Des Pudels Kern
Die Portugiesen haben ein eigenes Wort dafür. Lieder, Bilder, Romane – wenn man es genau nimmt, vielleicht fast alles, was die Menschen an Kulturgut je geschaffen haben – entsteht, entstand und wird aus einem Gefühl heraus entstehen: Sehnsucht.

Religionen von West nach Ost (na ja, chronologisch natürlich umgekehrt und von Ost nach West weniger bis mehr moderat) predigen die Beseitigung, die Erlösung des Menschen von seiner Sehnsucht. Großes, starkes Gefühl Sehnsucht. Mindestens zwei Seiten hat sie.

Die eine stelle ich mir immer vor, wie ein Baby. Unreflektiert, triebgesteuert und nur durch Bedürfnisbefriedigung zu beruhigen. Wild und ungebändigt. Die andere hat für mich viel mit Entwicklung zu tun. Im Baby-Bild ist sie vielleicht der erwachsene Teil, der schon weiß, dass manches Bedürfnis nur zu Kummer führt - befriedigt oder nicht. Mit Harry G. Frankfurt könnte man von einem Bedürfnis zweiter Ordnung sprechen, einer Volition.

Hier steht vielleicht auch gelebte gegen gedachte Welt. In der gelebten ist ohne Bedürfnisbefriedigung manchmal nichts weiter drin. Es ist dann fast, als habe man keine Wahl. Man muss sich dorthin wenden, wo man das Baby bis zum zufriedenen Schmatzen anfüllen kann. Damit es endlich still ist und man sich anderen Dingen widmen kann. Wenn das Schreien und Heulen in einem dann versiegt ist, darf der erwachsene Teil wieder ran und sich der damage control zuwenden. Ein allzu menschliches, liebenswertes, dadurch aber bei weitem nicht weniger albernes zu nehmendes Konzept.

Ich will…das ist des Pudels Kern, der „singende, tanzende Abschaum der Welt“, die Essenz des Menschseins. Wie sich also dazu stellen?
Einfach immer wieder. Aufs Neue. Mutig (wenn’s geht). Offen (wenn’s geht). Geschmeidig (3 x dürft Ihr raten).

Das Blöde an der Sache, der Haken, ist aber in meinen Augen und in meinem Leben etwas ganz anderes: Sehnsucht, Bedürfniserfüllung sind eng an Würde geknüpft. Bleiben die eigenen Bedürfnisse – seien sie nun geprüft oder nicht – unerfüllt, egal ob durch das Innen oder das Außen, entsteht ein Würderiss. Diese Plane aus Seidenpapier, die uns beizeiten schweben, unser Kinn oben halten lässt verliert an Spannkraft und bald gleitet der Blick nach unten. Meint dort unwerte Dinge zu finden und dann geht plötzlich alles ganz schnell. Das Kopfkino geht los, ohne uns noch einen Trailer zu zeigen. Ohne uns den Eismann nochmal vorbeizuschicken. Kein Popcorn.

Freunde der Liebe – so geht es nicht gut. So kann es nicht gehen. Gebt auf eure Würde Acht. Sie ist etwas Zartes, Leichtes, Erhabenes und genau das ist es, was sie so stark macht. Gebt Acht auf das Geräusch, das Euer Herz macht, kurz bevor es sich verhärten will und kehrt um. In die Weichheit. In die Würde. Die Anmut des Aufrechten. Des Mutes. Kehrt um. Nehmt das Ego ruhig mit. So ein Baby kann man sich ja auch einfach auf den Rücken binden. Da schlafen sie eh am besten, habe ich mir sagen lassen.

Gute Nacht.

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