Mittwoch, 1. Februar 2012
Üben, üben, üben
Als ich klein war, habe ich ein polnische Kindegeschichte auf LP gehört (immer und immer wieder), in der ein Junge mit Höhenangst einen gläsernen Berg erklimmen muss. Er singt:

Po pierwsze sie nie bac, po drugie sie nie bac, a po trzecie a po trzecie wcale nie bac sie!
(erstens sich nicht fürchten, zweitens sich nicht fürchten und drittens, und drittens sich gar nicht fürchten).

Sich nicht fürchten. Puh. Schwer. Auch leicht. Aber eben auch schwer. Wie immer, wenn man mit neuen Situationen, Herausforderungen und kleinen Schreckmomenten konfrontiert ist, sich aus der eigenen Mitte rauskatapultiert, quasi im freien Fall, plötzlich wiederfindet, ist Furcht eine "natürliche" Reaktion. Eine lebenserhaltende Maßnahme sozusagen. Aber die Grenze fließt. Ganz leise. Über in etwas, das das Leben nicht erhält, sondern beengt und einsperrt. Vielleicht ist sie selbst auch so etwas wie ein gläserner Berg, aber eben eher eine Wand vor die man läuft. Und dann, mit weher Stirne davor sitzt, weil man erst mit vollem Karacho dagegen gerannt ist. Aua. Moment. Erstmal hinsetzen. Klarkommen. Was hat mich da eigentlich gerade aufgehalten und auch noch umgehauen? Hinter dem Glas wuselt so allerlei herum: Echte Gefühle für jemanden, der einen fordert. Echte Ungewissheit darüber, wie man erreicht, was man sich zu wünschen meint. Weil man alles noch verschwommen sieht, verlässt man sich dann auch schnell darauf, dass man weiß, was man hinter dieser Scheibe so alles sieht. So wie das Gehirn die Worte auf einer Seite korrigiert, so tut es das auch mit Emotionen, Signalen und Schemen, die man zu erkennen meint. Vor kurzem hörte ich in diesem Zusammenhang den Terminus: kognitive Verzerrung. Auch Glaubenssätze genannt. Schablonen, die eigentlich helfen könnten die Untiefen zwischenmenschlicher Beziehungen besser durchschiffen zu können. Stimmt aber nur dann, wenn man nicht gerade vor eine Glaswand gerannt ist. Und dann braucht man sie meistens nicht. Schöne Scheiße.

Für mich, wie für viele von uns, heißt der Glaubenssatz leider immernoch: Ohne Fleiß, keine Liebe. Nur nicht unbequem werden, nur nicht nerven, nur nicht zu eigensinnig werden. Schön die Schnauze halten. 2012 beginnt also scheinbar antizyklisch: Die Überschrift heißt eigentlich Verwegenheit - gespürt wird aber nur Verschüchtertheit. Will nicht mehr kämpfen. Will gar nicht kämpfen. Will lieber fließen. Wieder fließen, like we did last summer, fließen, like we did last year...

Wenn man, wie bereits postuliert, nicht zweimal in den selben Fluss steigen kann, wie kommt man dann zurück in den Fluss der Dinge? Man geht einen Schritt zurück, beobachtet sich selbst und übt das, was man am wenigsten kann: Geduld. Wie mühsam. Aber nur so möglich. "To be a warrior you must train". Ich will gerne dazu zurück die Dinge auch gefühlt wieder so zu sehen. Aber bevor ich damit anfange, erstmal eine rauchen.

Ach nein - das habe ich ja aufgegeben!

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